Hintergründe und Erläuterungen zum Biotopverbundkonzept

Anlass

Zunehmende Nutzungsintensität in Land- und Forstwirtschaft und Flächenverbrauch durch Verkehrs- und Siedlungs-Maßnahmen führen zu erheblichen Verlusten wertvoller Biotope. Das bedeutet für viele Arten eine erhebliche Verkleinerung und Isolierung ihrer Lebensräume, die Austauschmöglichkeiten sind stark reduziert oder unmöglich. Zu kleine Lebensräume und fehlende Vernetzungsmöglichkeiten führen zu genetischer Verarmung und gefährden das dauerhafte Überleben der Populationen. Gesamtökologische Zusammenhänge gehen verloren, der Verlust an Biodiversität ist eine gravierende Folge. Die Erhaltung der Artenvielfalt ist jedoch auch für unsere zukünftige Lebensqualität von wesentlicher Bedeutung.

Ziel

Neben dem Schutz der verbliebenen, oft isolierten Biotope im naturschutzrechtlich vorgegebenen Schutzgebietssystem kann das Überleben eines wesentlichen Teils der heimischen Flora und Fauna nur gesichert werden, wenn durch die Entwicklung, Wiederherstellung und Bewahrung geeigneter Vernetzungsstrukturen auch außerhalb geschützter Gebiete Bedingungen geschaffen werden, die eine Ausbreitung und Wanderung der Arten ermöglichen.

Der Braune Feuerfalter ist auf die Vernetzung von extensiv genutzten Grünlandflächen angewiesen (Aufn. H. Wenzel)
Der Braune Feuerfalter ist auf die Vernetzung von extensiv genutzten Grünlandflächen angewiesen (Aufn. H. Wenzel)
Feuchtlebensraumverbund ist notwendig für stark gefährdete Arten wie die Große Moosjungfer Leucorrhinia pectoralis (Aufn. TLUBN, A. Lux)
Feuchtlebensraumverbund ist notwendig für stark gefährdete Arten wie die Große Moosjungfer Leucorrhinia pectoralis (Aufn. TLUBN, A. Lux)

Biotopverbund in Thüringen zeigt Handlungsbedarf auf

Das Biotopverbundkonzept beschreibt die aktuelle Situation der Austauschmöglichkeiten, den Bedarf an Strukturen und die geeigneten Entwicklungsräume zur Sicherung der Überlebensfähigkeit von Arten auf Landesebene. Auf dieser Grundlage können auf Landkreis- und Gemeindeebene Umsetzungsmöglichkeiten in der Landschaft entwickelt und mit allen Beteiligten vor Ort abgestimmt werden.

Nutzung und Anwendung

Die aus dem Biotopverbundkonzept erkennbaren naturschutzfachlichen Schlussfolgerungen sind vielseitig verwendbar, um weiterführende Konzepte zu entwickeln und letztendlich vor allem geeignete Maßnahmen zur Schaffung von Ausbreitungs- und Wandermöglichkeiten (geeignete Strukturen zur Überwindung von größeren „Lücken“ und Hindernissen zwischen Lebensräumen) umzusetzen. Einsatzmöglichkeiten ergeben sich z. B. in der Vorbereitung von Verkehrsbaumaßnahmen, für Projekte zur Auenrenaturierung und Gewässerverbesserung, in der Waldbewirtschaftung oder in der Entwicklung landwirtschaftlicher Förderkonzepte. Die Ergebnisse des Biotopverbundkonzepts gehen in die Landschaftsplanung und die Pläne der Raumordnung (u. a. Landesentwicklungsprogramm, Regionalpläne) ein.

Brücke über die Föritz am Kolonnenweg im Grünen Band als Hindernis für Bewohner der Fließgewässer (Aufn. TLUBN, U. Kettnaker)
Brücke über die Föritz am Kolonnenweg im Grünen Band als Wanderhindernis für Bewohner der Fließgewässer (Aufn. TLUBN, U. Kettnaker)
Brücke am Kolonnenweg im Grünen Band nach Ausgleichsmaßnahme ohne Barrierewirkung für Fließgewässerarten, an der Föritz
Brücke über die Föritz am Kolonnenweg im Grünen Band nach Ausgleichsmaßnahme ohne Barrierewirkung für Fließgewässerarten (Aufn. TLUBN, U. Kettnaker)

Das Biotopverbundkonzept verstehen - wesentliche Komponenten

Die Lebensräume heimischer Arten, die aufgrund ihrer Größe und ihrer Biotop-Eigenschaften dauerhaft als stabile Lebensräume für gefährdete Arten geeignet sind, werden als Kernflächen erfasst und gesichert. Dabei sind (kleinräumige) Puffer- und Entwicklungsareale einbezogen.

Verbundelemente sind Biotopflächen oder linienhafte Strukturen, die geeignet sind, Wanderungs-, Ausbreitungs- und Wiederbesiedlungsprozesse zu gewährleisten oder zu erleichtern. Diese Flächen haben oft eine Biotopqualität, die den Arten einen zumindest vorübergehenden Aufenthalt ermöglicht, sie werden daher auch als Trittsteine oder Verbundelemente bezeichnet. Linienhafte Strukturen können den Arten je nach Beschaffenheit eine störungs- bzw. barrierearme Wanderung zu anderen geeigneten Kern- oder Verbundelementen ermöglichen.

Korridore zeigen Suchräume auf, die geeignet sind, auf möglichst flächensparende und effiziente Weise Lücken und Barrieren oder auch lebensfeindliche Nutzungen zwischen den Kernflächen und Verbindungselementen so zu mindern oder zu beseitigen, dass es den Arten möglich wird, sich weitere Lebensräume zu erschließen.

Integrierte Darstellung der Lebensraumnetze, , aus: Biotopverbundkonzept für den Freistaat Thüringen größere Ansicht verfügbar
Integrierte Darstellung der Lebensraumnetze aus: Vielfalt durch Vernetzung - Biotopverbundkonzept für den Freistaat Thüringen (TMUEN, Dez. 2020)

Vorgehensweise – vom landesweiten Konzept bis zur lokalen Maßnahme

Die grundsätzliche Methodik zur Entwicklung des Biotopverbundes im Thüringer Fachkonzept entspricht dem Vorgehen des Bundes bei der Entwicklung des länderübergreifenden Biotopverbundes. Mit Hilfe eines verknüpfenden GIS-Modells (Lebensraumnetzwerke, HABITAT-NET, Hänel 2007; 20,5 MB) wurden auf Grundlage vorhandener Fachdaten „Suchräume für die Vernetzung“ für Hauptökosystemtypen (Wald-, Trocken- und Feuchtlebensräume) ermittelt, die landesweit funktionale Zusammenhänge aufzeigen. Diese Räume, die auch als „Lebensraumnetze“ bezeichnet werden, dienten letztlich zur Herleitung großräumiger, national bis international bedeutsamer Biotopverbundachsen.

In gleicher Weise wurde das Thüringer Biotopverbundkonzept entwickelt, allerdings wurden als Ausgangsdaten höher aufgelöste und auf Thüringen zugeschnittene Informationen und Bewertungen herangezogen. Vorhandene Biotop(komplex)e und eine Auswahl spezifischer Artvorkommen (weitgehend terrestrischer Zielarten) wurden Lebensraumnetzen zugeordnet (Wald-, Feucht- und Fließgewässer-, Trocken- und Grünlandlebensräume), anhand ihrer naturschutzfachlichen Wertigkeit, Größe und definierter Distanzen voneinander gruppiert. Mit den Ergebnissen wurden Kernflächen (landesweiter Bedeutung) und wesentliche Verbindungselemente definiert, in Räumen mit geeignetem Entwicklungspotential wurden Möglichkeiten für eine Verbindung zwischen diesen Kernflächen bestimmt, die in generalisierter Form als bundes- und landesweit bedeutsame Verbundkorridore dargestellt sind.

Die fachliche Bewertung und Auflösung des Modells entspricht dem Zielmaßstab eines Landschaftsrahmenplanes (1:100.000), d. h. nur übergeordnet (mindestens regional) bedeutsame Strukturen wurden erfasst. Generell, aber insbesondere in Landschaften, in denen wie im Thüringer Becken nur noch selten überregional bedeutsame Lebensräume vorkommen, bedarf es daher weiterer Analysen zur Konkretisierung des Konzeptes und zur Ergänzung durch überörtlich oder lokal bedeutsame Lebensräume und deren Vernetzungsbedarf im örtlichen Zusammenhang. Dies ist eine wesentliche Teilaufgabe der Landschaftspläne, die von den unteren Naturschutzbehörden auf Landkreisebene erstellt werden. Nur auf dieser Planungsstufe ist es möglich, konkrete Umsetzungsideen zu entwickeln und Maßnahmen zur Biotopvernetzung zu realisieren, die geeignet sind das oben beschriebene Ziel zu erreichen.

In Thüringen gibt es inzwischen eine ganze Reihe örtlicher Initiativen von Naturschutzverbänden, oft behördlich gefördert und unterstützt, die lokale Biotopvernetzungsstrategien entwerfen und Maßnahmen umsetzen, wie zum Beispiel das Projekt VIA-Natura 2000, das die Stiftung Naturschutz Thüringen mit Partnern im Zeitraum 2020-2026 durchführt. Informationen zu diesem und weiteren Projektbeispielen finden Sie auf der Seite Biotopverbundprojekte in Thüringen.

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