Gebietseigene Gehölze

Der Schutz biologischer Vielfalt („Biodiversität“) ist in vielerlei Hinsicht ein zentrales Anliegen in Politik und Gesellschaft und ist daher Gegenstand internationaler Vereinbarungen und nationaler gesetzlicher Bestimmungen. Die biologische Vielfalt umfasst dabei nicht nur die Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten, sondern auch die innerartliche Vielfalt sowie die Vielfalt an Formen von Lebensgemeinschaften und Biotopen (§ 7 Absatz 1 Nummer 1 BNatSchG).

Wolliger Schneeball, Aufnahme H. Korsch
Wolliger Schneeball, Viburnum lantana (Aufn. H. Korsch)

Dabei spielt die genetische Vielfalt als Teil der Vielfalt innerhalb von Arten eine entscheidende Rolle. Vorkommen einer Art haben sich an die relativ homogenen Umweltbedingungen innerhalb des Naturraums angepasst, in dem sie wachsen. Die so entstandene genetische Differenzierung innerhalb einer Art zwischen Vorkommen derselben Art verschiedener Herkünfte ermöglicht ihr daher eine insgesamt bessere Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Umweltbedingungen.

Die Bedeutung innerartlicher Variabilität in der Naturschutzpraxis hat allerdings erst in jüngerer Zeit verstärkt Beachtung gefunden. Baum- und Straucharten sind ein wesentlicher Bestandteil unserer natürlichen Umwelt und von hoher Bedeutung für andere Tier- und Pflanzenarten sowie die Stabilität von Ökosystemen. Im Zuge der Eingriffsregelung sowie bei Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege im Rahmen von Förderprogrammen und weiteren raumbedeutsamen Fachplanungen (Flurneuordnung, Verkehrsplanung, Wasserwirtschaft) spielt die Pflanzung von Gehölzen daher eine bedeutende Rolle. Hilfestellung für Antragsteller und Eingriffsverursacher bietet unser Merkblatt.

Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) hat diese Thematik aufgegriffen und regelt in § 40 Abs. 1: „Das Ausbringen von Pflanzen in der freien Natur, deren Art in dem betreffenden Gebiet in freier Natur nicht oder seit mehr als 100 Jahren nicht mehr vorkommt, sowie von Tieren bedarf der Genehmigung der zuständigen Behörde. Dies gilt nicht für künstlich vermehrte Pflanzen, wenn sie ihren genetischen Ursprung in dem betreffenden Gebiet haben. Die Genehmigung ist zu versagen, wenn eine Gefährdung von Ökosystemen, Biotopen oder Arten der Mitgliedstaaten nicht auszuschließen ist. Von dem Erfordernis einer Genehmigung sind ausgenommen […] das Ausbringen von Gehölzen und Saatgut außerhalb ihrer Vorkommensgebiete bis einschließlich 1. März 2020; bis zu diesem Zeitpunkt sollen in der freien Natur Gehölze und Saatgut vorzugsweise nur innerhalb ihrer Vorkommensgebiete ausgebracht werden“.

In diesem Rahmen hat sich der Terminus „gebietseigene Gehölze“ etabliert.

  • Was bedeutet „gebietseigen“?

    Der Begriff „gebietseigen“ kann synonym zum Begriff „gebietsheimisch“ verwendet werden. Der Leitfaden zur Verwendung gebietseigener Gehölze (BMU 2012) definiert den Begriff „gebietseigen“ so:

    „Als gebietseigen werden Pflanzen beziehungsweise Sippen bezeichnet, die aus Populationen einheimischer Sippen stammen, welche sich in einem bestimmten Naturraum über einen langen Zeitraum in vielen Generationsfolgen vermehrt haben und bei denen eine genetische Differenzierung gegenüber Populationen der gleichen Art in anderen Naturräumen anzunehmen ist.“

  • Was sind Vorkommensgebiete bzw. Herkunftsgebiete? Wie sind diese anzuwenden?

    Im Leitfaden zur Verwendung gebietseigener Gehölze des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU 2012) sind insgesamt sechs Vorkommensgebiete innerhalb Deutschlands abgegrenzt, wobei nur innerhalb dieser die Saatgutgewinnung, Produktion und Ausbringung von gebietseigenen Gehölzen erlaubt ist. Thüringen hat dabei Anteil an vier Vorkommensgebieten:

    • Gebiet 2: Mittel- und Ostdeutsches Tief- und Hügelland
    • Gebiet 3: Südostdeutsches Hügel- und Bergland
    • Gebiet 4: Westdeutsches Bergland und Oberrheingraben
    • Gebiet 5: Schwarzwald, Württembergisch-Fränkisches Hügelland und Schwäbisch- Fränkische Alb

    Ein Register der in Thüringen anerkannten Erntebestände gebietseigener Gehölze, die nicht dem Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG) unterliegen, befindet sich im Aufbau.

    Neben dem Vorkommensgebiet existieren für die dem FoVG unterliegenden Baumarten forstliche Herkunftsgebiete. Diese sind forstrechtlich festgeschrieben. Die Herkunftsgebiete und im weitesten Sinne auch die Vorkommensgebiete gründen auf den 46 „ökologischen Grundeinheiten“ in der Bundesrepublik Deutschland. Das sind räumlich abgegrenzte Gebiete mit ähnlich abiotisch und biotischen Eigenschaften. Die sechs Vorkommensgebiete fassen aus praktikablen Gründen die unterschiedlichen ökologischen Grundeinheiten großräumiger zusammen. Die Herkunftsgebiete sind teils kleinräumiger und zahlreicher (z. B. bei Rot-Buche insgesamt 26 Herkunftsgebiete in Deutschland).

    Das forstliche Herkunftsgebiet ist für die dem FoVG unterliegenden natürlich vorkommenden Baumarten heranzuziehen, sofern es nicht mehr als sechs forstliche Herkunftsgebiete für die betreffende dem FoVG unterliegende Baumart in Deutschland gibt. Das heißt, dass bei bis zu sechs forstlichen Herkunftsgebieten in Deutschland für die betreffende Baumart immer das forstliche Herkunftsgebiet ausschlaggebend ist. Bei mehr als sechs forstlichen Herkunftsgebieten reicht es aus, wenn die forstlichen Herkunftsgebiete oder Teile davon im betreffenden Vorkommensgebiet liegen.

    Forstpflanzen bzw. Forstvermehrungsgut nach dem FoVG müssen in Deutschland von nach § 17 Abs. 1 FoVG anerkannten Betrieben stammen oder darüber bezogen werden. Eine Übersicht dieser Betriebe finden Sie hier.

  • Was versteht man unter „freier Natur“ im Sinne von § 40 BNatSchG?

    Unter freier Natur im Sinne des § 40 BNatSchG wird jede Fläche verstanden, die nicht dem innerörtlichen Bereich zuzuordnen ist sowie von Gebäuden zugeordnete Gärten und Wochenendhaussiedlungen, Sportanlagen, in unmittelbarem Zusammenhang mit Mahnmalen stehende Bepflanzungen, Friedhöfe und Ruhestätten (ausgenommen Bestattungswälder und Ruheforsten) und bestehende (Landschafts‑)Parks mit gärtnerisch-ästhetischer Ausrichtung im nicht innerörtlichen Bereich.

    Nicht zur freien Natur zählen auch land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen (einschließlich Weinbau-, Baumschulflächen und Weihnachtsbaumkulturen).

    Näheres zu den Geltungsbereichen und Ausnahmen in den Bereichen Verkehrswege, Land- und Forstwirtschaft, Wein- und Gartenbau, Baumschulen, Weihnachtsbaumkulturen und bei Obstgehölzen sind dem Erlass „Anwendung des § 40 Abs. 1 BNatSchG an 02.03.2020“ zu entnehmen.

  • Dürfen kultivierte Obstbäume weiterhin in die freie Natur gepflanzt werden?

    Ja, kultivierte Obstbäume sind entsprechend des Leitfadens zur Verwendung gebietseigener Gehölze (BMU 2012) von der Regelung ausgenommen. Beerensträucher müssen gebietseigen sein.

  • Zertifizierung

    Zur Gewährleistung der Gebietseigenheit ist eine Zertifizierung von Produzenten für nicht dem FoVG unterliegende gebietseigene Gehölze nach den Akkreditierungsstandards der Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) seit Juni 2019 möglich. Um Pflanzungen von nicht dem FoVG unterliegenden Gehölzen als gebietseigen bis zur Ernte durchgängig zurückverfolgen zu können, ist unter anderem die Vergabe einer standardisierten Erntereferenznummer erforderlich.

    In der Praxis ergeben sich momentan jedoch noch Defizite bei der Zertifizierung und der Verfügbarkeit von Pflanzgut gebietseigener Gehölze bei Produzenten. Thüringen hat daher einen Erlass „Anwendung des § 40 Abs. 1 BNatSchG an 02.03.2020“ auf den Weg gebracht, der Aspekte des Umgangs mit gebietseigenen Gehölzen und deren Unbedenklichkeit in der Praxis bis auf Weiteres regelt.

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